Inhalt

Einleitung
Nachdem in den beiden ersten Ausgaben des Diversity Journal verschiedene Verständnisweisen von Interkultureller Orientierung und Öffnung in den Verwaltungsbereichen thematisiert wurden – mit den Beispielen Burgenlandkreis (DJ No. 1) und dem Landesverwaltungsamt als fachlicher Aufsicht für die Koordinierungsstellen von Integration in Sachsen-Anhalt (DJ No. 2) –, nimmt die dritte Ausgabe von Diversity Journal Bewährungsproben praktischer Öffnungsprozesse vor Ort in den Blick.

Am Beispiel des WELCOME Treff in Halle als Anlaufpunkt für Geflüchtete wird gefragt:

Zu solchen und ähnlichen generellen Fragestellungen im Themenfeld einer mehr denn je gebotenen Interkulturellen Orientierung und Öffnung lässt sich von einzelnen Praxisbeispielen aus nicht vollständig, jedoch hinlänglich konturgetreu Stellung nehmen. Im Porträt des Halleschen WELCOME Treff finden sich entsprechend vielfältige, teilweise ergänzungsbedürftige Antworten.

Zuvor jedoch sollen einige theoretische Aspekte der veränderten bundesweiten Verschiebungen in der Willkommenskultur in Deutschland rekapituliert werden, um die Tragweite der konkreten Herausforderungen zu skizzieren.

Der etwa um das Jahresende 2015 einsetzende Prozesswandel lässt sich mit Hubertus Schröer und anderen als Übergang von der spontanen Willkommensemphase hin zu einer an Nachhaltigkeitsstrukturen ausgerichteten Ankommens- und Anerkennungskultur beschreiben.

Was, so ist zunächst zu fragen, sind seine markanten Parameter? Worauf kommt es an, wenn es an der Schnittstelle hauptamtlichen und zivilgesellschaftlichen Engagements um die praktische Etablierung bewährter Anerkennungsstrukturen geht – und das mehr oder weniger unabhängig vom jeweiligen Anerkennungsstatus der neu Ankommenden?

Nach Hubertus Schröer zeigte die erste Phase der Willkommenskultur bzw. „Willkommens-Stimmung“ in Deutschland unter anderem folgende Merkmale

Eine bundesweit beobachtbare Erscheinung im Verlauf der ersten Willkommensphase war noch im Verlauf des Jahres 2015 die Frage, ob das von Trägern, Vereinen, haupt- und ehrenamtlichen Akteurinnen und Akteuren aufrecht erhaltene Bewältigungsmanagement für die Erstintegration der Belastung Stand halten könnte.

Würden die kommunalen Angebotsstrukturen reichen, die Zahl neu Ankommender von ‚Willkommenheißen‘ auf ‚gezielt unterstützen‘ umzulenken? Kann es gelingen, den Enthusiasmus der vielen zivilgesellschaftlich Unterstützenden in die Angebotsstruktur der hauptamtlich zuständigen Akteurinnen und Akteure zu integrieren?

Es scheint, dass diese Fragen bis heute nicht abgeschlossen zu beantworten sind. Umso wichtiger erscheint die Verständigung über das, was sich in der Praxis einer weiter entwickelten Willkommenskultur an guten Beispielen bewährt hat.

Wichtige Voraussetzung hierbei: Nach Schröer bedarf es der „Umsetzung im Dreiklang“, damit sich nachhaltige Strukturen der Unterstützung etablieren und untereinander stabilisieren können. Zu diesem Dreiklang gehören:

Wie nun im Folgenden am Beispiel des WELCOME Treff in Halle zu zeigen, genügt es nicht, über hervorragende (institutionalisierte) Rahmenbedingungen zu verfügen. Ebenso wenig erscheint es für das Gelingen nachhaltig aufzubauender Anerkennungs- und Wertschätzungskultur als hinreichend, dass engagierte Einzelpersonen ihr Engagement punktuell und wenig oder kaum koordiniert mit dem jeweils vorhandenen Unterstützungsnetzwerk in den interkulturellen Gesamtprozess einbringen.

Entscheidend erscheint vielmehr: Dass Willkommenskultur von allen Beteiligten, das heißt den neu Ankommenden wie den vor Ort bereits Mitarbeitenden im Hauptamt und in der Zivilgesellschaft, erlebt wird, um zu echter „Ankommenskultur“ werden zu können. Denn das Ziel einer belastbaren Willkommenskultur als Ankommensstruktur ist die Ausbildung nachhaltiger Prozessabläufe, in denen wechselseitiger Verständnistransfer zu selbsttragenden Strukturmustern eines Integrations- und Inklusionsprozesses wird.

Der Hallesche WELCOME Treff darf in diesem Sinn sicherlich als gelungenes Beispiel für ein komplex aufgestelltes Anerkennungsmanagement angesehen werden.

Hier war von Anfang an ein dicht gewebtes Netz an Unterstützungsmöglichkeiten vorhanden, ein breites bürgerschaftliches Engagement von lokalen Einzelunternehmen bis hin zu den Mitgliedern der Theater- und Orchesterlandschaft der Saalestadt. Und nicht zuletzt war und ist man sich mit der Stadt einig, dass die kommunalen Instrumente zur Integration neu Ankommender nur dann wirksam werden können, wenn die Ergebnisse interkultureller Verständigung zwischen Kultur und Interkultur, Selbstsein und Anderssein als Bereicherung der eigenen Lebenserfahrung und Lebensführung vermittelt werden. Diese Bereicherung als interkulturelles Wachstum zu erleben, ist wohl der Vorteil jener, die – wie im Halleschen WELCOME Treff – sie täglich erleben und mitgestalten.

Es ist noch ein weiter Weg zur nachhaltigen Anerkennungskultur, wo auch immer er in diesen Tagen beginnt oder sich fortsetzt. Entscheidend ist, ihn als Ziel zu verankern in der eigenen Haltung und Lebensführung. Und ihn als langwierigen Prozess wertzuschätzen. „Die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt”, sagt eine chinesische Weisheit.
 


Der WELCOME Treff in Halle
Waisenhausring 2 am Franckeplatz in Halle, gleich gegenüber dem historischen Gelände der Franckeschen Stiftungen, ein sonniger Donnerstag Vormittag. Vor dem Eingang des stattlichen Gründerzeitgebäudes, der ehemaligen Spielstätte des Theatervereins „Theatrale“, eine nicht zu übersehende Ansammlung von Fahrrädern. Die Tür zum fast ebenerdigen Raum steht halb offen, schon ist vielsprachiges Stimmengewirr zu hören, die dazugehörigen jungen Frauen und Männer dann auch gleich zu sehen, gruppiert um einen langen Tisch, jeweils mit Stiften und Papier ausgerüstet, dazu die Ansage des gutgelaunten Sprachlehrers „ich hatte und wir waren, aber ich habe und wir sind … “. Weitergehen, man lässt sich nicht stören. Im hinteren Teil des großen Raums eine kleine Bar für Wasser, Tee, ein paar gut besetzte Sitzgelegenheiten mit Tischen, ein noch nicht besetztes gemütliches Sofa und ein leicht erhöhter und mit Teppich ausgelegter Bereich, die Kinderspielecke, vor dem man die Schuhe auszieht und in dem jetzt zwei Kinder spielen. Emsiges, arbeitsames Stimm- und Sprachengemurmel im tageslichthellen, farbenfreundlich gestrichenen Raum, ein guter Ort, um die richtige Atmosphäre zu finden für das persönliche Gespräch, die stille Arbeit an irgendetwas, für Zusammenkommen, Ankommen und Mitmachen. Ganz ohne Zweifel – es ist ein Willkommensort, der Hallesche WELCOME Treff.

Geschichte des WELCOME Treff
Den neuen interkulturellen Kulturraum hier im früheren Café des Theatervereins gibt es seit dem 6. Dezember 2015, eingeweiht mit freundlicher Unterstützung der Halleschen Theaterszene, der Stadt Halle, des Landes Sachsen-Anhalt und vielen Förderern. Und obwohl noch kein Jahr alt, merkt man dem Ort schon beim ersten Betreten an, dass er angenommen ist von denen, die hierherkommen, wenn nicht täglich, so doch immer wieder. Neben den vielen Geflüchteten aus vielen Ländern sind das die vielen Unterstützenden, die sich freiwillig einbringen, Veranstalter, Leute, die etwas anbieten. Die Ehrenamtlichen, die Angebote machen, sind bunt gemischt. Jemand zum Beispiel war auf Jobsuche, hat zwei Monate lang hier in der Überbrückung Deutsch gelehrt, es kommen Studenten, Rentner, und es kommen ebenso Berufstätige, die gelegentlich am Nachmittag Hausaufgabenhilfe anbieten.
Der WELCOME Treff ist keine Einbahnstraße namens „Unterstützung hier lang“. Er ist ein offener Ort für Geflüchtete und Engagierte, heißt es richtig in einem der Selbstbeschreibungstexte seiner Organisatoren. Und man merkt es: Die hierherkommen, tun es aus Neugier und Bereitschaft, aus Interesse, sich zu erproben, Angebote und Unterstützungsbedarf zu testen. Und alle hier kommen sich bei möglichst jedem Schritt entgegen, greifen auf, sortieren, bringen zusammen. So entsteht die Stimmigkeit von Angeboten und Nachfrage, langfristig Respekt, auch Vertrauen. Dass Nehmen und Geben hier gegenseitig sind, weil man sich trifft in der Mitte gemeinsamer Schnittpunkte, ist hier der rote Faden. Es geht um Wechselseitigkeit und Prozesse. Nichts drückt das besser aus als das vielfältige Wochenangebot, in dem sich neben den gefragten ehrenamtlichen Deutschkursen für die Geflüchteten auch der Arabischkurs für alle findet.

Nicht nur ein Ort, sondern ein Gefühl
Der WELCOME Treff ist nicht nur ein Ort, sondern ein Gefühl, bringt es Julia Burghardt auf den Begriff, und sie muss es wissen. Als Leiterin des Sammelpunkts hat die junge Frau mit reichlich Erfahrung in der Freiwilligenarbeit hier die Fäden in der Hand, zusammen mit ihrem Team aus vielen Freiwilligen – jede und jeder mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen in diesem Bereich. Sie selbst war von Anfang an dabei, hat die Gründungsphase mitgestaltet, an den Strukturen gearbeitet, die fortlaufende Programmgestaltung und die Dynamik der Angebotsbedarfe stets fest im Blick.

Julia Burghardt
Der Ausgangspunkt war ja, dass die Landeserstaufnahme im ehemaligen „Maritim“-Hotel am Bahnhof keinen Raum bot für die vielfältigen ehrenamtlichen Unterstützungsangebote aus der Bevölkerung. Umso wichtiger war es, diesen Bedarf zu erkennen. Die Landesintegrationsbeauftragte Susi Möbbeck und die Freiwilligen-Agentur Halle haben diese Lücke – den Wunsch nach einem offenen Ort der Begegnung für Geflüchtete und Engagierte – erkannt. In Laufnähe zur Erstaufnahme wurden dann die Voraussetzungen für diesen Ort der Begegnung geschaffen.
Der Rest entwickelte sich aus viel Engagement und der Nutzung vorhandener Unterstützungsstrukturen, die Immobilie kam von der im Vorstand der Freiwilligenagentur engagierten Frau Papenburg. Viele Freiwillige und Unterstützer standen bereit, jetzt brauchten wir ihnen nur noch diesen Tätigkeitsort geben, und ab dem Herbst 2015 war es soweit. Jeder und jedem, der sagt, er will etwas tun, versuchen wir, Möglichkeiten aufzuzeigen.
Dieses ehemalige Café der alten Schauspielstätte wieder zum Leben zu erwecken war eine tolle Herausforderung. Viele Ehrenamtliche halfen. Und gleichzeitig waren die Halleschen Bühnen aufmerksam geworden, viele Schauspieler der Halleschen Theaterszene sammelten Spenden und entwickeln selbst vielfältige Kulturangebote für und mit Geflüchteten im WELCOME Treff. Klar war von Anfang an, das braucht eine solide Basis, Kontinuität und Perspektive, die auch durch Geflüchtete selbst mit gestaltet wird, die hier inzwischen auch im Bundesfreiwilligendienst engagiert sind und vielfältige Angebote mitgestalten. Von Anfang an stand die Idee, dass das Programm von Ehrenamtlichen und Geflüchteten gemeinsam entwickelt wird.

Wochenprogramm
Nachdem der WELCOME Treff am 6. Dezember 2015 eröffnet wurde, ging es auch gleich los mit den Programmen. Gestartet mit drei Freiwilligen im Bundesfreiwilligendienst, sind es heute sieben, die hier mitmachen, sich kümmern, zu jeweils 20 Stunden in der Woche, darunter Einheimische ebenso wie Zugewanderte aus vielen Ländern – wie vorteilhaft, dass der Bundesfreiwilligendienst auch für Geflüchtete geöffnet wurde! Sie alle unterstützen hier vor Ort, helfen bei der Sichtung von Infoangeboten, vermitteln Anschlussmöglichkeiten oder vermitteln Unterstützung für die vielen Amtswege. Von Anfang an war der Bedarf bei den Geflüchteten hoch, das Programm wurde stetig erweitert, auch bis 18 Uhr geöffnet, so dass auch Ehrenamtliche, die berufstätig sind, sich unter der Woche einbringen können.
Die jeweils in fünf Sprachen vorliegenden Wochenprogramme sind das Herzstück des neuen Begegnungsorts – so wie die damit verbundene Regelmäßigkeit der Angebote ein Teil des Gelingenskonzepts ist. Neben dem Bildungsprogramm durch Sprache gibt es die alltagsbezogenen Orientierungsangebote – Nähen, Reparieren, Handarbeit zum Selbermachen.
In den Ferien gab und gibt es es ein eigenes Kinderprogramm mit Basteleien. Darum herum dann auch die Programme jenseits von Unterhaltung, die Hausaufgabenhilfe zum Beispiel. Auch für die Erwachsenen ist die Breite der Angebote dazu angetan, Selbständigkeit der neu Ankommenden solide zu befördern. So gibt es etwa den Berufetag für Geflüchtete, an der das örtliche Bauunternehmen Günter Papenburg regelmäßig teilnimmt – da wird vorgestellt, wie die Berufe in Deutschland heißen, was diese beinhalten, wie die Ausbildungswege gehen, welche Möglichkeiten der Beschäftigung es gibt und und und. Es gibt Beratungsangebote der Asylverfahrensberatung der Caritas oder Veranstaltungen des Flüchtlingsrats Sachsen-Anhalt zur Handhabung der Wohnsitz-Auflage im Bundesland. Und tags darauf ein Gastspiel im Theatersaal zu Paradies und Eroberung, ein Begegnungsabend des Halleschen Aktionstheaters in Zusammenarbeit mit der Arabischen Oase. Dann wiederholt die „Regenbogen-Treffs“ für geflüchtete, asylsuchende homo- und bisexuelle Menschen, wo es um Unterstützungsvorschläge im Alltag geht, und die vom Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen LAMSA angebotenen Orientierungskurse (speziell für Frauen). Bunter, das heißt breiter im Anwendungsbezug und in der Vielfalt, lassen sich die Angebote kaum gestalten, es ist für jeden etwas dabei. So wie die Sprachen, in denen man sich hier verständigt.
Die wöchentlichen Angebote des WELCOME Treff, die in Pashtu, Farsi, Arabisch, Englisch und natürlich Deutsch vorliegen, gibt es von Montag bis Freitag zwischen zehn und vier Uhr, Dienstag auch bis sechs Uhr am Abend. Was nicht heißt, dass nicht auch mal am Wochenende etwas stattfindet, dann allerdings meist im kleineren Kreis oder für besondere Anlässe, zum Beispiel wenn die „Bürger von Burkina Faso“ hier zusammenkommen, weil die Räumlichkeiten einfach so gut geeignet sind hier mitten im Zentrum der Stadt. Doch nicht nur das.

Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis
Die Geschicke des WELCOME Treff liegen in der Hand der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis, einem eingetragenen Verein, der für die Koordination ehrenamtlicher Willkommensinitiativen vom Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Halle gefördert wird. Doch nicht nur Land, Stadt, Kulturszene, auch viele private Spender und Unternehmen unterstützen den WELCOME Treff. So eben auch die Günter Papenburg AG, eine 2016 in den Top Ten der Besten Arbeitgeber Deutschlands geführte namhafte Unternehmensgruppe in Halle, die zu den kontinuierlichen Spendern gehört, einen Teil der Mietkosten erlässt und sich mit vielfältigen Angeboten aktiv einbringt. Ebenso die Total Raffinerie Mitteldeutschland GmbH, die Stadtwerke Halle GmbH und zahlreiche private Spender. Willkommensstrukturen zu entwickeln und am Laufen zu halten ist nicht mit Herzblut allein zu stemmen. Für all diese Vernetzungstätigkeiten ist uns die Zusammenarbeit mit der Stadt wichtig.
Apropos: Die Stadt Halle ist ein wichtiger Partner, für den WELCOME Treff und überhaupt für das Thema Integration, die Zusammenarbeit im Integrationsnetzwerk der Stadt Halle ist da nur ein wichtiger Punkt. Auch die kommunalen Verteilungswege, Informations- und Netzwerkstrukturen zu nutzen ist wichtig für die Arbeit des Begegnungstreffs, der durch die Integrationsbeauftragte der Stadt Halle und das Dienstleistungszentrum Integration und Migration wichtige Unterstützung erfährt. So wird das Wochenprogramm über die kommunalen Verteilersysteme verschickt, hängt in Amtsstuben, im Arbeitsamt und Gemeinschaftsunterkünften. Über die vom Evangelischen Kirchenkreis initiierte, bei der Freiwilligen-Agentur angesiedelte Koordinierungsstelle „Engagiert für Flüchtlinge“ werden mit Unterstützung der Stadt Halle die Information, Beratung, Qualifizierung und Vernetzung der Ehrenamtlichen unterstützt.

Vom Schwerpunkt her geht es im WELCOME Treff um Grundlagen: um Grundorientierung, Erstinformationen, Erstintegrationsangebote. Der Eingangsbereich des Treff ist mit seinen Dutzenden von Infoplakaten, Flyern, Aushängen, Faltzetteln bunt tapeziert – das bunte Angebote-Kaleidoskop macht die mittlerweile immense Breite der Unterstützungsangebote zur Integration in der Stadt Halle sichtbar. Ob die mehrsprachigen Info-Faltblätter zur Arbeitsmarktintegration, wie sie Fachkraft im Fokus, das IQ Netzwerk oder die Jugendwerkstatt Frohe Zukunft anbieten, die Hochglanzflyer einer lokalen Verkehrsschule, die in einem Aktionstag Livekontakte zu professionellen Firmen aus der Branche anbietet, die Angebote der Berufspatenschaften, Willkommenspatenschaften für Flüchtlingskinder von der Freiwilligenagentur, die Angebote der Handwerkskammer Halle oder des Jobcenters – sie alle bieten Interessierten hier erste Schritte zur Orientierung und Selbstinitiative an. Vom Internetangebot – auf den Online-Portalen willkommen-in-halle oder von der Freiwilligenagentur – noch gar nicht geredet.
Niemand, der noch fremd ist hier, so ergibt sich das Gefühl, müsste auf sich allein gestellt sein. Gerade die vielen Flyer zu Ankommens-Patenschaften, speziellen Angebote für Frauen, Einladungen zu interkulturellen Treff-Cafés in Halle und die von der Burg Giebichenstein gestaltete Übersichtskarte zu allen Angeboten der Stadt Halle mit Schwerpunkt auf Internationalität und Flüchtlingsunterstützung – sie sind offen gehaltene Türen für alle Interessierten, die neu in Halle und Umgebung sind und ankommen möchten.

Anlaufstelle
Und es kommen mehr Interessierte. Am Anfang, 2015, waren es vor allem Syrer, dann Afghanen, die keinen Zugang hatten zu Sprachkursen, jetzt sind es zunehmend auch Leute aus Afrika, Somalia, Eritrea oder Indien. Nicht nur neu Ankommende, sondern auch solche, die schon ein Jahr hier sind und keinen Zugang zu Sprachkursen haben oder weitere Anschlussstellen suchen, um weiterzukommen mit den ersten Schritten im noch fremden Land. Auf der anderen Seite Ehrenamtliche, oft mit pädagogischer Erfahrung, die hier ihre Freizeit ausfüllen und unterrichten, anleiten, informieren, begleiten mit Hinweisen und Anregungen. Oder die eben am Arabischkurs teilnehmen, der zweimal wöchentlich stattfindet und von einer Syrerin gegeben wird, die auch bereits gut Deutsch spricht und dabei auch weiter von den deutschen Schülern lernt. Neu im Angebot ist auch ein Englischkurs, den ein Syrer, gelernter Englischlehrer, gibt.
Der WELCOME Treff hat etwas von einem Nadelöhr, wird zunehmend zu einer Anlaufstelle der verschiedenartigsten Akteure aus diesem Bereich, auch über Halle hinaus. Die Mitarbeitenden der Freiwilligenagentur und die Freiwilligen im Bundesfreiwilligendienst vermitteln auch Patenschaften für Geflüchtete, verweisen auf zentrale lokale Treffpunkte wie das „Café Amal“ oder das „Café International“ in der Goldenen Rose gleich um die Ecke. Es gab schon Netzwerktreffen von geflüchteten Frauen in Sachsen-Anhalt, der Psychosoziale Dienst war hier schon aktiv, demnächst veranstaltet der Flüchtlingsrat seinen hier Geburtstag und im großen Theatersaal oben drüber, auch ein Netzwerktreffen für geflüchtete, besonders schutzbedürftige Menschen (LGBTIQ), die oft aufgrund ihrer geschlechtlich-sexuelle Identität besonders von Diskriminierung betroffen sind, findet im Treff statt. Ebenso ist der besonders rührige Verein „Sprachbrücke“ fester Programmpartner, seine Mitglieder beraten arabischsprechende Geflüchtete, fangen an, ehrenamtlich Farsi-Übersetzer mit dazu zu holen, kochen gemeinsam, übernehmen Ämterbegleitung und führen Fahrradkurse für geflüchtete Frauen durch.

Ideen und Perspektiven
Bei der bunten Palette an Betätigungsmöglichkeiten in Angeboten fehlt es Julia Burghardt als Regisseurin des WELCOME Treff nicht an Ideen und Perspektiven für das, was brennt.

Wir haben schon noch weitere Pläne für die Zukunft, wollen unser Verweisungswissen noch weiter nutzbar machen. Ganz besonders am Herzen liegt uns zum Beispiel das Unterstützen von Frauen, die schutzbedürftig sind, hier wollen wir gerne das Programm ausbauen und z. B. den Berufetag speziell für Frauen besser bekannt machen, damit mögliche Hindernisse bewusster sind und Chancen greifbarer werden.
Und ein aktuell drängendes Thema ist natürlich die Beschäftigungsperspektive. Die meisten hier wollen nicht auf den Ämtern herumsitzen, sondern ihren Elan und ihre Fähigkeiten einbringen, selbst Geld verdienen natürlich. Deshalb gibt es den Berufetag einmal im Monat. Dies könnten wir noch viel öfter gebrauchen, wenn noch mehr Organisationen und Firmen sich einbringen, hierherkommen und schauen, was kann man anbieten, was ist eine sinnvolle Lösung oder Zwischenlösung auf dem langen Weg zur Integration, dann wäre das sehr zu begrüßen. Also die kleinen individuellen Stellschrauben, auf die kommt es an. Da wäre es insgesamt gut, mehr Kapazitäten zu haben, denn die Mitarbeitenden sind voll ausgelastet, aber wir spüren die Bereitschaft und haben die Rahmenbedingungen, noch mehr gemeinsam zu machen, damit die Menschen aus der Warteschleife herauskommen. Und das ist es, was wir anstreben: Den Zugewanderten Ankommen, Teilhabe und Integration zu ermöglichen. Das geht nur, indem wir ihnen verlässliche Brücken bauen, dass sie sich selbst verwirklichen und neue Perspektive schaffen können.

 

 

Imprint


Konzeption & Text: Dr. Ernst Stöckmann
Gestaltung, Umsetzung & Programmierung: Oliver Bunke, Oligoform GBR

Erscheinungsdatum: Oktober 2016 (Ausgabe 3)
Erscheinungsweise: Quartalsweise
Seriennummer: Diversity Journal 3|2016
ViSdP: Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.: Netzwerk Interkulturelle Orientierung / Öffnung – Fortbildungs- und Beratungsservice für Verwaltungen

Sämtliche Rechte an Text, Bild & Gestaltung liegen bei der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.: Netzwerk Interkulturelle Orientierung / Öffnung – Fortbildungs- und Beratungsservice für Verwaltungen, Servicestelle IKOE

Bildrechte:
WELCOME Treff, Julia Burghardt und Team

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