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Panorama Naumburg (Saale), © Christian Bier

Einleitung
Auch im Burgenlandkreis gibt es im Jahr 2016 Neuerungen mit historischem Herausforderungswert. Ein neues, bundesweit verbindliches Konzept des Asylantragsverfahrens, das sogenannte "Heidelberger Verfahren", wird seit März dieses Jahres umgesetzt. Dessen Ziel ist es, Flüchtlinge schneller und vor allem koordinierter zu erfassen und diejenigen mit guter Bleibeperspektive auch rasch dezentral unterzubringen. Konkret heißt das, dass das Asylverfahren stark beschleunigt und die Zeit bis zur Entscheidung auf wenige Tage – von etwa einer Woche ist offiziell die Rede – verkürzt wird. Asylsuchende sollen damit einen besseren Überblick über Stand und Ablauf ihres Verfahrens bekommen, während sich die Verwaltung am jeweiligen Standort auf eine Aufgabe konzentrieren könne – vorgesehen ist für Sachsen-Anhalt der Aufbau eines Ankunftzentrum in der Zentralen Erstaufnahme in Halberstadt. Für die aufnehmenden Kommunen bedeutet das wiederum, dass das Aufgabenspektrum für die eigentlichen Integrationsleistungen zunimmt. Und die sind bekanntlich die größte Herausforderung in der komplex gedachten Willkommenskultur-Struktur. Selbstverständlich auch im Burgenlandkreis.
Allen verantwortlichen Akteuren im Integrationsbereich ist klar, dass damit der gefühlte wie der tatsächliche Druck auf die Arbeit von Verwaltungsmitarbeitenden, Projektakteuren und Ehrenamtlichen wächst, Außergewöhnliches in kurzer Frist zu stemmen. Wird genügend Zeit, Energie, fortgesetzte wie neue Bereitschaft, Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen vorhanden sein, um Asylberechtigten mit Bleibeperspektive unter die Arme zu greifen? Greifen die Netzwerke und Schnittstellen passgenau? Und vor allem: Lassen sich die zur Verfügung stehenden Integrationsangebote so einsetzen, dass sie langfristig wirken und strukturell, damit neu Ankommende hier und in Sachsen-Anhalt für das Hierbleiben gewonnen werden? Viele Fragen, die sich den Engagierten stellen, und für die es mit Sicherheit eines nicht geben wird: eine als Patentrezept formulierbare einfache Antwort.

Diversity Journal sprach vor diesem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen mit den beiden seit Februar 2016 neu im Integrationsbereich tätigen Mitarbeitenden in der ‚Schaltzentrale‘ für die Integration im Burgenlandkreis in Naumburg: mit dem neuen Leiter des Bereichs Integration im Integrations- und Ausländeramt, Thomas Rode, und mit Ulrike Reichert, der neuen Integrationskoordinatorin.

Interview
Mit Blick auf den Hofbereich hier im Dienstgebäude, auf die dort aufgestellten Zelte, die Hinweisschilder in mehreren Sprachen und auf die vielen Menschen im Eingangsbereich ist wirklich nicht zu übersehen, dass auch der Burgenlandkreis mitten in immensen Bewährungsproben steckt. Wie gehen Sie mit diesen um?

Thomas Rode

Zunächst einmal: Bewährungsproben sind dafür gemacht, dass sie bestanden werden. Dazu ist Mut und Energie nötig, aber auch eine entschlossene Einstellung, eine Bereitschaft, Probleme auszuhalten, um sie gleichzeitig anzugehen. Und damit ist, das sage ich Kraft meines Amtes, im Kern Strukturbildung gemeint, konzeptionelles Verständnis, also das Steuern von Prozessen oder zumindest der Versuch, mit- und nicht gegenzusteuern . Aber zuallererst, und wenn ich hier als Leiter für Integration für unseren gesamten Bereich sprechen darf: Wir begreifen Zuwanderung als etwas Neues, nicht als Mehrbelastung für unsere Gesellschaft. Neu im Sinn einer Perspektive für unser Land, für unsere Region. Der demographische Aspekt ist da nur einer von vielen. Es geht auch ganz konkret um das vielbeschworene interkulturelle Bereicherungsmoment für unsere Gesellschaft, die sich verändert. Wir leben im 21. Jahrhundert, wollen mit globalen und lokalen Veränderungen Schritt halten, sehen uns für Öffnungsprozesse aufgeschlossen. So gesehen holt sich der Elan, die angesprochene Bewährungssituation zu meistern, am Ziel einer sich öffnenden Gesellschaft immer wieder seine neue Energie. Und natürlich erhöhen alle mit dem Heidelberger Modell verbundenen Mehrbelastungen für die Integrationsarbeit die ohnehin angespannten organisatorischen Stoffwechsel hier im Landkreis. Aber das ist nicht unsere Aufgabe, Belastungsszenarios zu beschreiben. Wir müssen uns um die tragfähigen Strukturen kümmern. Und da sehe ich den Burgenlandkreis schon seit langem auf einem guten Weg.

Dann verraten Sie uns, wie sie den Integrationsprozess denken, wenn die Baustellen für die Integrationsarbeit so zahlreich sind wie im Moment – das Ende der Bewährungsproben ist ja bis auf Weiteres nicht absehbar.

Thomas Rode

Im Bereich Integration können nicht nur Antworten gegeben werden, es geht auch darum, Fragen zu stellen: Was kann jemand, möchte jemand, was ist er bereit, von sich einzubringen. Am wenigsten helfen vermeintliche Rezepte weiter. Wir haben es mit Menschen mit unterschiedlichen Bereitschaften zu tun, Integration als Prozess anzunehmen. Und das gilt für beide Seiten: Für diejenigen, die Integrationsangebote unterbreiten und für diejenigen, die von diesen profitieren können beziehungsweise, so paradox es klingen mag, sollen. Wir können die tollsten Angebote zur Unterstützung haben, Sprachkurse, frühkindliche Bildungsangebote, Ausbildungsunterstützung. Diese Angebote nützen nur denjenigen, die bereit sind, sie anzunehmen und für ihren Lebensentwurf in diesem Land zu integrieren. Wir sind sehr froh, dass wir mit unseren insgesamt elf Projekten, die Unterstützungsmaßnahmen für neu Ankommende enthalten, so komfortabel ausgestattet sind hier im Landkreis. Schlimmer wäre, wenn wir mit leeren Händen dastehen würden und die Willkommenskultur nur auf dem Papier hätten. Anders gesagt: Wir hier im Bereich Integration sind uns als pädagogische Begleiter von Integrationsprozessen bewusst, dass man Integration nicht machen kann. Es ist keine Sache der Umsetzung von Mitteln oder des Wahrnehmens einer Maßnahme. Es ist eine Sache des persönlichen Engagements, der Haltung. Und immer müssen beiden Seiten mitziehen. Wir, indem wir die Menschen, die dafür willens sind, begleiten, anleiten, beraten, auch anstoßen und ermuntern. Das ist ein Prozess, der langwierig ist, der Zeit und vor allem Kraft braucht. Und auf der anderen Seite wünschen wir uns immer Menschen, die mit ihren Integrationsbemühungen da sind und offen sind für diesen Prozess. Wir als Pädagogen denken diesen wechselseitigen Prozess daher immer als einen Organismus. Nur so kann er eigenes Leben gewinnen. Es ist doch so: Eine Integrationsmaßnahme ist ein Impuls zu etwas, ein Angebot mit einem Grundimpuls. Und dann kommt es darauf an, dass er angenommen, aufgenommen, weitergegeben wird und sich verselbständigt. Die Integrierten sind die, die selbst gehen müssen.

Was bedeutet das für die Integrationsarbeit als Konzept in ihrem Bereich? Verstehen Sie sich als Moderator für Integration, Impulsgeber oder mehr als Katalysator zwischen Angeboten und Anbietenden wie den ehrenamtlichen Unterstützern einerseits, den Bedürftigen andererseits?

Ulrike Reichert

Wir können diese Aufgaben vor allem nur gemeinsam lösen, das heißt, nur durch Kooperation, Ergänzung, Abstimmung und durchaus auch durch gegenseitige Korrektur in den einzelnen für Integration zuständigen Bereichen hier. Die Konstellation im Arbeitsbereich des Integrations- und Ausländeramts ist ja so: Als Sozialpädagogischer Fachbereich kommen wir mit Personen in Kontakt, die ausländerrechtlich denken. Die Ausländerbehörde beispielsweise, die Unterkunftsverwaltung und Abteilung Leistung sind kraft ihrer Definition Bereiche, in den Menschen zunächst einmal eher als Zahlen eine Rolle spielen, als zu versorgende Größen. Der Blick auf das Individuum, das Einzelschicksal, das hinter der Zahl liegt, muss da notgedrungen zu kurz kommen. Sonst könnte diese Abteilung nicht mehr funktionieren – so wie in einer Bibliothek, wo die Angestellte anfinge, die aufgestellten Bücher zu lesen, statt sie zu klassifizieren. Und dann kommen wir ins Spiel, sozusagen als die zweite Hälfte der Medaille. Wir sorgen für Vernetzung, Austausch, erzeugen Rückmeldungen bei lokalen Verbänden, vermitteln letztlich Haltung.

Thomas Rode

Genau! Die einzelnen Bereiche verbindet unseren Intentionen nach die Befähigung zu interkulturellem Handeln. Also Offenheit für Veränderungsprozesse, die von außen kommen. Das soll der Grundgedanke des Bereichs sein. In der Praxis zeichnet sich dieser Grundgedanke natürlich sehr heterogen ab. Die Mitarbeitenden der Ausländerabteilung sagen: Wer bist Du? Welche Ansprüche hast Du? Wie können wir die Versorgung sicherstellen. Und dann kommen wir, die Pädagogen, und fragen: Was kannst Du? Welche Befähigungen bringst Du mit, welche Bereitschaft? Was könnte man damit machen, damit etwas Selbstständigkeit erreicht werden kann, im Optimalfall.

Ist das kein Gegeneinanderarbeiten in den einzelnen Bereichen, keine störende Gegenläufigkeit?

Ulrike Reichert

Eher nicht. Es klingt paradox, aber diese Spannung kann man und muss man akzeptieren. Sie hilft ja sogar, als eine Art Korrektiv in der eigenen Arbeit. Wir als Pädagogen der Integrationsarbeit denken vom Einzelfall her, vom individuellen Maßstab. Aber da ist es immer wieder gut und hilfreich, dass uns die Kollegen von der Leistungsabteilung sagen, was überhaupt geht, was wir anbieten können und sinnvoll anbieten dürfen. Willkommenskultur kann immer nur von der Bereitschaft her bedingungslos sein. In der Praxis bleibt sie den realen Spielregeln verpflichtet.

Thomas Rode

Und auf der anderen Seite ist es dann immer wieder beeindruckend, wenn man sieht, wie ein Mitarbeitender beginnt, Integration zu denken. Wenn er sich vom Zahlendenken verabschiedet und in den Integrationsgedanken hineinkommt. Das heißt nicht, dass die Abteilung ihre Arbeitsformen wechselt. Es heißt, dass sie betreffende Personen gezielt und direkt zu uns lotsen weil sie wissen, dass wir den reinen Versorgungsaspekt pädagogisch weitertreiben. Weil wir eben als Sozialpädagogen arbeiten, als individuelle Ressourcenanreger sozusagen.

Ulrike Reichert

Was wiederum bedeutet, dass wir die Grenzen einbringen, die Optionen und Wege ausloten mit den Leuten. Um zu schauen, wie man die Grenzen ausloten kann, um den Leuten Gutes zu tun. Das ist die Spannung zwischen pädagogischem Bereich und Ausländerabteilung.

Ist diese arbeitsteilige Ergänzung und dann das Übernehmen der Perspektive anderer Bereiche schon das Ergebnis eines Prozesses, den Sie hier beobachten, oder war das schon immer so?

Thomas Rode

Wir wissen, dass das nicht schon immer so war, definitiv nicht. Da war es doch so, dass jemand, der nicht legal hier ankam, an die Polizei übergeben wurde. Heute hat sich da viel gedreht, durch die Flüchtlingskrise verstärkt. Man versucht zum Beispiel, Wege zu finden, wie jemand nach Halberstadt kommt in die Erstaufnahmeeinrichtung. Man schaut auch nach Möglichkeiten, wie man jemanden in die Sozialstrukturen bringt und an die Integrationsangebote heranführt. Insofern sind wir, ich meine der gesamte Bereich hier, der vor einiger Zeit ja komplett unter ‚Ordnungsamt‘ subsumiert wurde, ist heute schon ein ganzes Stück weiter, und wird sich mit der Herausforderung des Heidelberger Modells auch noch weiter entwickeln und entwickeln müssen. Wir sprechen hier immer von kleinen Erfolge, aber im vergleichenden Blick zeigen sie den Grad unserer Integrationsarbeit, wie sie Früchte trägt: Nicht bloß bei diesem und jenem Mitarbeitenden in der Verwaltung, sondern eben auch in den Strukturen.

Was könnte das für die zukünftige Arbeit im Integrationsbereich bedeuten?

Ulrike Reichert

Mit Sicherheit soviel, dass Bereiche, die früher parallel arbeiteten, enger kooperieren müssen, enger interagieren, genauer kommunizieren. Dann kann man das klassische Muster: der Integrationsbereich will die Leute hereinholen, das Auslandsamt will regeln, weiterschreiben, ohne dass beide Bereiche ihre Eigenperspektive verlieren. Abstimmung der Bereiche ist das A und O, damit keine Fehlinformationen vergeben werden. Und damit das Ergänzungsverhältnis gut organisiert ist und optimal wirksam werden kann.

Thomas Rode

Wobei sicherlich wichtig bleibt, dass wir über auch weiterhin über ausreichend Handlungsinstrumente und -spielräume verfügen können. Stichwort Ehrenamt! Auch unsere Ehrenamtlichen müssen ja trainiert werden, brauchen Prozesskettenbewusstsein, Planbarkeit. Jetzt gibt es Wege, diese Unterstützung zu leisten, hier gibt es so viele Ehrenamtliche, die sich kümmern, die sich nicht abspeisen lassen mit bürokratischen Vorgaben, und die den Fall aus menschlicher Perspektive betrachten, weil sie einfühlsam sind. Aber es muss auch uns geben, unsere zeitlichen und energetischen Ressourcen, damit wir als beratende und begleitende Schnittstellenregisseure immer wieder auch die Spielregeln der Willkommenskultur miteinbeziehen. Denn Nächstenliebe ist gut und wichtig als grundsätzliche Richtung, aber sie hat natürlich Bedingungen und Regeln, die als Grenzen gelten. Und da müssen wir als Bereich vor allem auf die richtige Kommunikation achten! Separation wird vorangetrieben durch falsche Modelle der Kommunikation. Man muss verhindern, dass Menschen sich zurückziehen, vor allem bemühte Menschen. Integration ist der Gegensatz von Separation. Das gelingt, wenn ohne Souveränitätsdünkel agiert wird: menschlich, kommunikativ, interaktiv, in allen Bereichen.

Ulrike Reichert

Zum Beispiel, wenn einer die Abschiebung organisieren muss. Der Sozialpädagoge, der Ehrenamtliche würden sich totrennen, um Lösungen zu finden. Der Verwaltungsmitarbeiter aus dem Ausländeramt bremst dann, wo die gesetzlichen Grenzen sind für die Hilfestellung, weil das nötig ist. Und wenn dieses Zusammenspiel organisatorisch, strukturell und personell klappt zwischen den Ebenen, wird die beabsichtigte Unterstützung im Effekt auch nicht ausgebremst. Für uns ist wichtig, dass am Ende etwas bleibt: den Menschen, die zu uns kommen und Orientierung brauchen sozialpädagogisch was an die Hand zu geben. Und das bedeutet auch: Man muss miteinander streiten um den besten Weg für den konkreten Einzelnen. Das geht nicht ohne Affekte, aber es ist wichtig, hier die richtige Balance zu finden. Dann geht es darum, dass jeder seine spezielle Kompetenz einbringt und man gemeinsam einen Weg findet. Es ist nicht paradox das zu sagen, aber die Strategien für unser tägliches Arbeitspensum müssen wir täglich neu erfinden, weil wir im Integrationsbereich nicht genau wissen, wo unsere Kerngebiete liegen. Unsere Zuständigkeit ist nicht fest umgrenzt. Wir können und sollen alles machen.

Thomas Rode

Wir haben vom Leistungsrecht kaum Ahnung, aber Integration bedeutet nicht, Anträge ausfüllen wie SGB II, sondern Prozesse so zu bauen, dass sich Beteiligte selbst integrieren können. Was also gar nicht geht: Wie Leute den Menschen alles abnehmen. Und das geht bei uns genauso. Wir müssen uns Wege suchen, wie wir es selbst machen können. So stehen wir in der Spannung, was können wir abgeben, was können wir behalten. So ist unsere Abteilung dynamisch, permanent im Umbau.

Heißt das nicht, permanent am Limit des persönlichen Engagement zu arbeiten? Wie geht man damit um, dass man trotz Dauer- und Höchstbetrieb auf der Integrationsbaustelle letztlich die kleinen Erfolgen wertschätzen muss?

Ulrike Reichert

Das bleibt immer eine persönliche Herausforderung! Unsere Leistungen sind umfangreich, komplex, aber gleichzeitig eigentlich nicht abrechenbar. Hier sind viele Variablen, weil es nicht darum geht, Variante a und b ins Verhältnis zu setzen, um dann vielleicht c zu finden. Wir arbeiten zwischen a und z, und dabei ist nicht klar, welches Ergebnis vorliegen soll. Wir arbeiten lösungsorientiert, aber eben nicht mit dem Fokus eines abrechenbaren Ergebnisses.

Thomas Rode

Das Gefühl, viel geschafft zu haben, ist das eine. Das andere das Wissen, das wir von den Früchten unserer Arbeit vielleicht nur zehn Prozent erleben werden. Wir haben nur das Vertrauen, dass etwas passiert. Die Welt dreht sich. Das muss man aushalten können, wenn man abends nach Hause geht. Dass man die Leistung nicht an einem Maßstab messen kann, an einer Note. Das ist eine Entscheidung der Persönlichkeit. Dafür haben wir hier im Integrationsbereich die Stelle angetreten. Weil für uns spannend ist: Vom Einzelnen zu erfahren, wer ist er, welchen Bedarf hat er, auf was zielt er? Und da ist man faktisch nicht am Ende. Da liegt der Unterschied zur Leistungsabteilung, die den Schein ausstellt und ein gutes Gewissen haben kann mit einem vorläufig abgeschlossenen Ergebnis.

Was noch einmal die Frage aufwirft, wie Integration generell als Konzept zu denken ist?

Thomas Rode

Auf jeden Fall kann man sagen, dass Theorie und Praxis der Integration stellenweise immer noch stark auseinanderklaffen. Es gibt Forschung für Integration. Aber für Integration als praktischen Weg gibt es keine Grundlage. Keinen Masterplan. Man muss also navigieren, dynamisch reagieren.

Bringen Sie ein Beispiel?

Thomas Rode

Am liebsten ein Bild! Ich vergleiche die Integrationsarbeit, wie wir sie heute leisten, mit dem Jonglieren mit mehreren Bällen. Drei Bälle sind die einfachste Technik. Ich würde sagen, dass wir dies hier im Integrations- und Ausländeramt teilweise schon beherrschen. Jetzt kommt, nicht zuletzt mit dem Heidelberger Modell, der vierte Ball dazu. Da kommt also jeder einzelne Ball in der ‚Prozesskette‘ plötzlich an anderer Stelle als im eingeübten Automatismus auf. Und da ist das Problem da, wenn man die Technik nicht ändert, keine Varianten entwickelt. Vier Bälle heißt aber automatisch, muss man die Technik wechseln, dann erst kommt die Rotation und die Bälle nicht zu Fall. Wir müssen also flexibel bleiben, die Technik wechseln üben. Das ist unsere Kernaufgabe im pädagogischen Gebiet. Und nicht zu vergessen: Bei all dem muss ein gesunder Instinkt helfen. Um wieder aus dem Bild zu kommen: Wir vertrauen unseren Strukturen hier, ebenso wie den Ehrenamtlichen, dass sie den gesunden Instinkt haben. Sonst wäre es unverantwortlich. Vieles von dem, was wir hier machen, lebt vom Idealismus. Sonst könnten wir auch als Consulting-Mitarbeiter irgendwo arbeiten.

Und abschließend von Ihnen noch ein Wort zu den kommenden Perspektiven hier im Integrationsbereich?

Ulrike Reichert

Wichtig ist für unsere Arbeit, dass wir Strukturen schaffen und vermitteln können, die den Beteiligten Stabilität signalisieren, Verlässlichkeit.

Thomas Rode

Unser Ziel ist, ein System zu schaffen, das funktioniert in seinen Grundstrukturen. Wir brauchen in der Integrationsarbeit Transparenz und Planbarkeit, Übersichtlichkeit, den Roten Faden. Das gilt für uns wie unsere Netzwerkpartner und natürlich die Ehrenamtlichen. Dazu gehört, dass wir auch Zeichen setzen, präsent sind, und dass die Öffentlichkeit unsere Projekte wahrnimmt, zum Beispiel über das Integrationsnetzwerk, Podiumsgespräche im Kreistag oder Gesprächsrunden im Bürgercafé Kretschau, weil der Kommunikationsbedarf in der Bevölkerung nach wie vor immens hoch ist. Die Perspektive ist und bleibt also: Ins Gespräch zu kommen, nach innen in Richtung Verwaltung und in den einzelnen Arbeitsebenen, und nach außen, in Richtung der mit unseren Angeboten Angesprochenen und der Bevölkerung. Und: Wir müssen auch mal lächeln. Die Leute wollen ehrliche Gesichter, Haltung, und wir dürfen und können nie vergessen, dass es neben den vielen Unterstützern für Integration ja auch die andere Seite gibt. Mit einem Lächeln können wir viel bewegen, vielleicht mehr, als uns manchmal selbst in der überquellenden Arbeit bewusst ist. Eine Ressource für die Zukunft also, definitiv.

Imprint


Konzeption & Text: Dr. Ernst Stöckmann
Gestaltung, Umsetzung & Programmierung: Oliver Bunke, Oligoform GBR

Erscheinungsdatum: März 2016 (Ausgabe 1)
Erscheinungsweise: Quartalsweise
Seriennummer: Diversity Journal 1|2016
ViSdP: Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.: Netzwerk Interkulturelle Orientierung / Öffnung – Fortbildungs- und Beratungsservice für Verwaltungen

Sämtliche Rechte an Text, Bild & Gestaltung liegen bei der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.: Netzwerk Interkulturelle Orientierung / Öffnung – Fortbildungs- und Beratungsservice für Verwaltungen, Servicestelle IKOE

Bildrechte: oben, Panorama Naumburg (Saale), © Christian Bier
Portraits: Dr. Ernst Stöckmann
Landratsamt, unten: © Google+ Landratsamt Burgenlandkreis

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